Park View Education Centre (PVEC)

Ich möchte diesen Beitrag mit einem Zitat beginnen, das ich eines Tages an der Eingangstür der bilingualen Volksschule Wulkaprodersdorf gelesen habe und dessen tiefer Sinn mich seit diesem Augenblick beschäftigt: „Von hier geh‘ ich allein, das ist fein!“ Auch wenn dieses Sätzchen auf den ersten Blick sehr einfach erscheint, ist es genau das Gegenteil – eine Phrase, bei der sogar Philosophen sowohl mit ihrem Latein als auch mit allen anderen Sprachen am Ende sind. Wo ist „hier“? Wohin geht „Ich“ allein und wer ist „Ich“? Warum bin ich und warum ist dies fein? All diese Fragen sind hinter diesem kurzen Sprüchlein verborgen. Nach unzähligen schlaflosen Nächten und Tagen denke ich, in der Lage zu sein, diese Frage beantworten zu können:

Ich bin Noah und fahre von Montag bis Freitag mit dem Schulbus von Baker Settlement nach Bridgewater, wo sich das Parkview Education Centre befindet . Ich bin jedoch nicht alleine. Mein Gastbruder ist mein täglicher Weggefährte – Und das ist fein!

So, hätten wir das auch geklärt. Ich möchte mich bei allen bedanken, die nach diesem hoch philosophischen Einstieg noch motiviert sind, weiterzulesen, und das Internet noch nicht zugemacht oder gelöscht haben. Gleich vorweg, es wird nicht spannender. Ich habe mit der Peripetie begonnen und leite nun zum retardierenden Moment dieses Beitrages über, um es im dramatischen Fachjargon auszudrücken, also haltet eure Erwartungen bitte in Grenzen.

Kennt ihr High School Musical? Ihr wisst schon: Spinde am Gang, alle singen und sind glücklich, zahlreiche Clubs und AG’s und die Schüler sitzen mit ihren Gleichgesinnten (Nerds mit Nerds, Emos mit Emos, Footballer mit Footballer, usw.) in der Cafeteria. So wie man sich eine nordamerikanische High School eben vorstellt. Tja, Pech gehabt. So ist es nicht!

Am PVEC gibt es weder Spinde noch Bücher, Clubs und AG’s halten sich auch in Grenzen, in der Cafeteria sitzen hauptsächlich Internationals, da ein Großteil der kanadischen Schüler ein Auto hat und während der Mittagspause auswärts essen geht und singen sieht man auch nicht wirklich jemanden…außer einen Typ in meinem Wirtschafts-Kurs, aber das ist mehr so ein verzweifeltes Wimmern als Singen.

Zugegeben, anfangs war ich ein wenig enttäuscht, weil das Park View Education Centre überhaupt nicht meinen Erwartungen einer amerikanischen/kanadischen High School entsprochen hat, aber mittlerweile habe ich mich daran gewöhnt und finde die Schule eigentlich ziemlich schön.

Bereits vor meiner Anreise bekam ich eine E-Mail aus dem „Students Services“-Büro – dem Büro, das für die Planung der Stundenpläne, sowie alle anderen Schüler-bezogenen Angelegenheiten verantwortlich ist – in dem mich Ms. Erika Kirk bat, ihr alle Kurse mitzuteilen, die mich interessieren würden. Ich stöberte das Kursprogramm durch und entschied mich für Englisch, Musik, Band und Communication Technology. An meinem ersten Schultag drückte mir Ms. Kirk bereits meinen fertigen Stundenplan in die Hand, der, bis auf Englisch, keinen meiner Wunschkurse enthielt. Ich fragte sie, ob es möglich wäre, meine ursprünglich Kurse zu besuchen, was sie aber verneinte. VIELEN DANK ERIKA !1!1!1!! *räusper räusper* Bitte entschuldigt. Also…anscheinend hatte Ms. Kirk es für besser befunden, wenn ich die Kurse Englisch, Mathematik, Geografie und Philosophie besuchen würde, also sah ich mich wohl oder übel dazu gezwungen, ihrem Willen nachzugeben.

Meine allererste Unterrichtsstunde am PVEC war Philosophie. Nach diesen äußerst intensiven 63 Minuten krempelte ich hypothetisch meine Ärmel hoch und stapfte zurück zu Students Services um meine Kurse zu wechseln. Aus Philosophie wurde Wirtschaft und somit war mein Stundenplan beschlossen.


Jeder Schüler hat vier Kurse und alle vier jeden Tag (nur in einer anderen Reihenfolge), wobei sich die erste und die letzte Stunde immer wiederholen. Der gesamte Stundenplan wiederholt sich in einem 8-Tage-Rhythmus. Warum acht Tage, wenn die Woche nur sieben hat und die Schule nur an fünf davon ist? Gute Frage! Entweder haben die kanadischen Bildungsbeauftragten mit Dyskalkulie in ihren Kreisen zu kämpfen oder die Acht hat eine symbolische Funktion. Viele historisch bedeutenden Dinge sind sehr eng mit der Zahl Acht verbunden – beispielsweise die acht Weltwunder der Antike, die acht biblischen Plagen oder die acht Zwerge.

Messer, Gabel, Scher‘ und Licht, schwierig ist die Schule nicht. Ein gute Einleitung für einen neuen Absatz, oder?
Die Erwartungen an die Schüler des PVEC, aber ich denke, dass das für die meisten kanadischen Schulen gilt, sind nicht sehr hoch. Es gibt keine Wiederholungen oder Schularbeiten (nur Tests am Ende einer Unit), es gibt keine Hausübungen – vorausgesetzt man arbeitet in der Stunde mit und der Unterricht ist auch so idiotensicher wie möglich gestaltet. Außerdem habe ich die meisten Inhalte, die hier unterrichtet werden, bereits in Österreich gelernt, also läuft es hier ziemlich easy peasy lemon squeezy. Noch dazu sind meine Lehrer wirklich äußerst nett (und sehr geduldig mit Nicht-Native-Speakern), was den Unterricht umso lockerer macht.

Ist der Schultag vorbei, dann steht für mich ein Mal wöchentlich, und zwar jeden Dienstag, noch eineinhalb Stunden Band-Probe auf dem Programm. Das PVEC bietet abgesehen von der Band noch einige andere Extracurriculars – (Frei)Fächer außerhalb der normalen Unterrichtszeit – an. Dazu gehören Rugby, Track and Field, Basketball, Badminton und im Winter auch Hockey. Da ich aber während meines Aufenthaltes nicht beim Rugby zu Tode getacklet werden, beim Track and Field meinen Knöchel brechen, beim Basketball den Ball ins Gesicht bekommen, beim Badminton den Federball verschlucken oder beim Hockey meine Zähne verlieren will, habe ich mich für Band entschieden. Band ist gut. Und sicher. Und das ist fein! 🙂

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